Sie sind Sandkastenaktivist, Einschlafhilfe und Seelentröster

Erste Absolventinnen von "Direkteinstieg Kita" an Hockenheimer Louise- Otto- Peters- Schule verabschiedet.

Herzlich bis überschwenglich waren die mit viel Applaus bedachten Reden, mit denen die Absolventinnen des neuen Bildungsgangs "Direkteinstieg Kita" an der Louise- Otto- Peters Schule in Hockenheim verabschiedet wurden. Schulleiter Oliver Wetzel sprach von einer neuen Schulart, die es nur in Baden- Württemberg gibt. Gedacht sei sie für Menschen, die vorher schon in einem Beruf gestanden haben und sich noch mal verändern wollen. Er schildert seinen ersten Gedanken, als die 17 Schülerinnen vor knapp zwei Jahren an die Schule kamen: "Es sind dann schon ältere, ist ja klar- mal sehen, wie das jetzt weitergeht."

Im Rückblick äußert er: "Ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich habe diese zwei Jahre genossen. Es war immer äußerst positiv." Er freut sich, dass 90 Prozent der Klasse einen Preis oder ein Lob bekamen, und dankte auch der Agentur für Arbeit, die das neue Angebot bekannt gemacht hatte. Die Arbeitsagentur habe im Mai 2023 ein Speed- Dating organisiert, bei dem sich Auszubildende und Träger gefunden haben, berichtete Abteilungs-leiterin Erika Rückert. Elf Schülerinnen machen jetzt noch das Berufspraktikum, werden also in einem halben Jahr Erzieherinnen sein.

Sie sprach auch für die anderen Lehrerinnen, als sie betonte: "Jede war glücklich, wenn sie aus dieser Klasse ins Lehrerzimmer kam." Sie erzählte, dass die 17 Frauen den Wunsch geäußert hatten, ihre theoretischen Kenntnisse der gesunden Ernährung für das Kind auch in die Praxis umzusetzen. Sie hatten ein internationales Buffet gezaubert und ihre Lehrerinnen dazu eingeladen. "Das waren Spezialitäten aus Vietnam, China, Russland, Polen, Angelbachtal, Rauenberg, Schwaben und so weiter", sagte sie mit einem Augenzwinkern und betonte, dass danach- anders als sonst- in der Lehrküche alles gleich wieder an seinem Platz war.

Klassenlehrerin Jana Reinbold blickte zurück auf den 12. September 2023, als sie die Klasse kennenlernte. Die Schulart sei kurze Zeit vorher erst in der Ideenschmiede des Kultusministeriums aus dem Ei geschlüpft, stellte sie fest. Bei der Vorstellungsrunde mit den Frauen im Alter von 28 bis 58 fiel ihr auf, dass sie die jüngste Person im Raum war. Nicht nur in der Altersstruktur war die Klasse bunt, auch bei den Lebenswegen, berichtete sie. So gab es Frauen, die zuvor in der Gastronomie tätig waren, im Büro, als Mode- und Grafikdisgnerinnen, Lehrerinnen und auch Menschen, die schon als Nicht- Fachkraft Kindergartenluft schnuppern durften oder als Eingliederungshilfe in der Schule tätig waren. Allen war gemeinsam, dass sie noch mal neue Wege gehen wollten. Eine habe ihr gesagt, "Frau Reinbold, ich habe erst jetzt meinen Traumberuf gefunden", und viele hätten ihr zugestimmt. Sie wünschte allen, dass sie sich auch in den stressigen Phasen, die in Zeiten von Personalmangel unweigerlich kommen werden, sich selbst niemals verlieren.

Neben den Absolventinnen des neuen Bildungsgangs bekamen regulär 30 angehende Erzieherinnen ihr Zeugnis. Anabel Rivas Sanudo berichtete über ihr Anerkennungsjahr in Sevilla. Sie war stolz, dass sie als erste Person ihrer Schule "Erasmus+" genutzt hatte. Das Programm der Europäischen Union fördert die Zusammenarbeit von Bildungseinrichtungen und die Mobilität von Einzelpersonen im Bereich der allgemeinen Bildung und beruflichen Bildung, von Jugend und Sport. 

"Das ist der neue Orientierungsplan, er wurde am 14.Juli erst veröffentlicht", sagte Erika Rückert. Begleitet von Geraune und Gekicher deutet sie durch entsprechende Gestik das Gewicht des Bandes an. Sie sei gerade dabei, ihn durchzuarbeiten", sagte sie. Vieles sei bekannt aus dem alten Orientierungsplan, vieles sei aber auch ganz neu wie "Ästhetische Bildung" und "Medienbildung". Sie stellte klar: Laut Sozialgesetzbuch haben Kinder das Recht auf Förderung hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Das bedeutet auch, sich zu einem mündigen Menschen zu entwickeln, der bei all der Flut an Informationen in der Lage ist, abzuwägen, was wahr und was falsch ist, was für und was gegen die Menschenwürde steht. Belastungen, die Familien tragen, bekämen die Erzieherinnen im Alltag mit den Kindern sofort mit, sagte sie und appellierte an die jungen Frauen, kritisch zu bleiben, dort, wo nicht im Interesse der Kinder gehandelt wird. "Sie fühlen mit den Kindern, die aus schwierigen Lebenssituationen kommen, die schwierige Startbedingungen ins Leben haben", sagte sie und schickte hinterher: "Wir alle wissen, die Welt trifft sich im Kindergarten. Sie sind Streitschlichter, Einschlafhilfe, Sandkastenaktivist, Seelentröster, Ungeziefer- Bestimmer, Brückenbauer und noch vieles mehr."